Kulturelle Differenzen - ein Beispiel

Veröffentlicht auf von André

Deutsch

Wir leben das Erasmusleben aus und waren gestern abend natürlich wieder in Mailand unterwegs. Zuerst ging es in eine Aperitivo-Bar. Für ein Getränk zum Preis von sechs Euro konnten wir uns nach Belieben am Buffet bedienen. Diese Art von Abendessen ist hier in Mailand durchaus geläufig und es gibt viele Aperitivo-Bars in der ganzen Stadt. Zufrieden und satt ging es weiter zur Wohnung einer Freundin, wo denn auch sehr schnell jemand ein Trinkspiel vorschlug.

Wir waren alle in Aktion. Jeder musste reihum Karten ziehen und je nach Karte bestimmte Aufgaben erfüllen. Four to the floor (bei der Vier alle Hände auf den Boden, der letzte trinkt), five to the sky (bei der fünf alle Hände nach oben) und so weiter. Mein schwedischer Mitbewohner zog die Karte "Reim". Tricky. Ein Wort wird genannt und jeder Spieler muss ein weiteres Wort nennen, das sich darauf reimt. Er begann also und nannte das Wort "higher". Meine deutsche Sitznachbarin machte weiter und sagte "liar". Ich war dran und konnte parieren: "Tyre". Jetzt kam meine französische Sitznachbarin an die Reihe und hatte auch schon ein Wort parat: "harder".

Eine Sekunde Sprachgefühl bitte. Reimen sich "higher" und "harder" eurer Meinung nach?

Meiner Meinung nach jedenfalls nicht, und das habe ich auch geäußert. "Haha, reimt sich nicht, du musst trinken!" Rechts neben mir nickten meine Sitznachbarin und mein Mitbewohner zustimmend. Die Französin sah mich mit großen Augen an. "Warum denn, es reimt sich doch! Higher - harder. Zweimal -er am Ende!" "Nein, das reimt sich doch nicht", stimmten jetzt Schweden und Deutschland in die Debatte ein. Und damit war die Diskussion im Gange. Der Rest der Gruppe bestand aus Franzosen und jetzt hatten wir sie alle gegen uns. "Warum denn nicht, die letzte Silbe reimt sich doch", beschwerten sich die anderen. Also reimt sich das Wort! Higher - harder - better...Was habt ihr denn für ein merkwürdiges Sprachgefühl??" Im Französischen reimt sich "congé" (Urlaub) mit "plonger" (tauchen), aber auch problemlos mit "cacher" (verstecken). Im Französischen zählt die letzte Silbe. Aber weder im Englischen, noch im Schwedischen oder Deutschen reicht es, bei einem zweisilbigen Wort die letzte Silbe zu reimen. Da läuft das Sprachgefühl Amok.

Die Debatte nahm jetzt wirklich ihren Lauf. "Wir spielen das Spiel aber auf englisch und nicht auf französisch", hielt ich den Franzosen vor. "Das ist aber bescheuert", widersprach einer, "ich spreche nicht so gut englisch. Wir können das Spiel auch auf französisch fortsetzen!" "Aber wir haben auch Menschen hier, die kein französisch sprechen", entgegnete ich und verbiss mir meinen Kommentar über neo-Napeleonische Großmachtansprüche. "Es ist nicht sehr einfühlsam, auf französisch zu spielen wenn einige Menschen hier kein französisch sprechen!"

In einer zweiten Achse, die quer über den Tisch diskutierte, ging es noch deutlich heftiger zu. "Habt ihr jemals Shakespeare gelesen?", fragte mein Mitbewohner erbost und froh, endlich seinen Unmut ob des vielen Französisch zu äußern. "Wisst ihr, wie er seine Reime formuliert? Ich habe einen Kurs in englischer Literatur belegt und ich weiß, wie man auf englisch richtig reimt!" "Das ist doch totaler Blödsinn", empörten sich die Franzosen, "die englische Sprache ist einfach hässlich und nicht zum Reimen gemacht! Und außerdem haben wir das Spiel vorgeschlagen, also spielen wir es auch nach unseren Regeln!" Die interkulturelle Spannungslinie war jetzt vollkommen aufgebrochen, befördert dadurch dass die nicht-Franzosen auf einer Seite des Tisches saßen und sich die zwei Fronten jetzt quer über den Tisch mit Breitseiten befeuern konnten. Noch eine ganze Weile wurden sinnvolle und weniger sinnvolle Argumente ausgetauscht, bis wir drei nicht-Franzosen entnervt aus dem Spiel ausschieden, woraufhin das Spiel abgebrochen wurde.

Es wäre so viel einfacher gewesen, das Spiel in (rudimentärem) italienisch zu spielen!




English


We're living Erasmus life to the max and of course, yesterday was a day to be out in Milan. First we went to an aperitivo bar with our Erasmus group. If you order a drink for six Euros, you get the buffet for free. It is quite common to do so for dinner in Milan, and there are many bars which offer the aperitivo. Well-fed and happy, we decided to go to the apartment of one of the girls, where somebody very soon proposed a drinking game.

In an instant, we were all caught in the game. Everybody had to draw a card to fulfil certain tasks according to the card. Four to the floor (a four is drawn, everybody's hands to the floor, the last one drinks), Five to the sky (all hands to the sky) and so on. My Swedish roommate drew the card "rhyme". Tricky. You mention a word and every participant in turns has to say a word which rhymes. He started and put out the word "higher". The German girl next to me continued: "liar". It was my turn now, but I knew a word: "Tyre". Over to the French girl on my left, who had already thought of a word: "harder".

One second. In your opinion, do the words "higher" and "harder" rhyme?

In my eyes they didn't and I voiced my opinion: "Haha it doesn't rhyme, you have to drink!" To my right, my neighbor and my roommate nodded approvingly. The French girl looked at me with wide eyes. "Why, it's rhyming!  Higher - harder. Twice -er at the end!" "No that doesn't rhyme", Sweden and Germany said, joining the debate. No the discussion had started. The rest of the group consisted of French students, and now we had them all against us. "Why not, the last syllable rhymes!", they complained. "So the word rhymes! Higher - harder - better...What is going on with your sense of language?". In French, "congé" (job leave) rhymes with "plonger" (dive) but also with "cacher" (hide). It's the last syllable that counts. But neither in English, nor in German or Swedish is it enough to rhyme the second syllable of a two-syllable word. Sense of language running riot.

The debate ensued. "But we're playing this game in English, not in French", I pounded. "That's stupid", one complained, "I don't speak English so well. We might as well continue the game in French!". "But we also have people here who don't speak French", I countered. "It's not very considerate to play the game in French when there are people who don't speak the language!"

In a second strand of discussion across the table, the debate was even tougher. "Have you ever read Shakespeare?", my roommate asked, happy to voice his discontent at the load of French language to which he was exposed. "Do you know how he formulates his rhymes? I took a course in English literature and I know how you do it!" "That is totally stupid", the French students held against him, "English language is just not made for rhymes!" The intercultural faultline had now really broken up, encouraged by the fact that all non-French were sitting on one side of the table and that the two opposing groups could now launch arguments against each other across the table. Quite some more time passed in which we exchange sensible and less sensible arguments until the three non-French people decided to quit the game whereupon it was cancelled.

It would have been so much easier to just play the game in (rudimentary) Italian!

Veröffentlicht in Europa

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Alisson 10/27/2009 23:00


Loreto fermata Loreto: i fatti sono perfettamente ristrascritti. E vero ch'è interessante di vedere le differenze d' interpretazione sonore tra le lingue.

Mi piace il tuo sito.

Piacere di averti conosciuto!

baci!