Getting started in Paris

Veröffentlicht auf von André

dieser Artikel wurde im November 2006 geschrieben, aber was soll's, ist immer noch aktuell

Wir befinden uns in den malerischen Voralpen Südfrankreichs, in einem kleinen gemütlichen Örtchen namens Etoile-sur-Rhône. In den engen Gassen des Dorfes lädt ein einsamer Kiosk zum Verweilen ein, etwas weiter steht ein kleines Nahrungsmittelgeschäft. Die nächstgrößere Einkaufsstadt Valence ist 20 Autominuten entfernt. Nachmittags versammeln sich auf dem Dorfplatz von Etoile die gestandenen Männer des Dorfes, um in der Spätsommerwärme eine Partie Boule zu spielen.

Mitten in diesem Dörfchen gibt es eine urige Kapelle mit einer neuen Bestimmung: In dem umgerüsteten Gebäude versammelt sich einmal im Jahr die große weite Welt. Junge Freiwillige aus der ganzen Welt sind in diesem September gekommen, um einen einjährigen Freiwilligendienst in Frankreich zu machen. In der Kapelle hält „Jeunesse et Reconstruction – ICYE France“ ein großes zehntägiges Einführungsseminar.

Und so finde ich mich plötzlich mit 30 fröhlichen jungen Menschen aus Costa Rica, Honduras, Kenia, Taiwan, Brasilien, Kolumbien, Südkorea und vielen anderen Ländern zusammen. Hier wird spanisch gesprochen, dort englisch, ein bisschen weiter eine asiatische Sprache, die ich nicht kenne.

Doch binnen weniger Stunden verstehen wir uns, als hätten wir uns schon seit Jahren gekannt. Uns alle verbindet, dass wir mit einer großen Motivation in eine fremde Kultur gekommen sind: Wir wollen uns selbst geben. Wir geben ein Jahr, um einem französischen Projekt zu helfen und uns nebenbei auch selbst weiterzuentwickeln.

Zehn Tage lang feiern wir abendliche Feste, lernen französisch, tauschen uns gegenseitig aus. Wir spielen gemeinsam Gitarre, bringen uns fremde Lieder bei und nehmen Neues in uns auf.

Dann heißt es Abschied nehmen von der Kapelle und den neuen Freunden: Jeder hat ein eigenes Projekt in ein anderen Teil von Frankreich. Für mich geht es in die Hauptstadt: Ich werde für ein Jahr bei den „Petits frères des Pauvres“ (Kleine Brüder der Armen) im Herzen von Paris arbeiten. Ich freue mich riesig, nach Paris gekommen zu sein. Ich hatte die Hoffnung auf eine Stelle in oder nahe der französischen Hauptstadt schon lange aufgegeben. Denn die meisten Zivis arbeiten in Emmaüs- oder Arche-Projekten weit weg von Paris. Umso größer ist die Freude, tatsächlich ein Jahr in der Stadt von Eiffelturm, Notre Dame, Louvre und Sacré Coeur (aber auch in der Stadt der wissenschaftlichen, sozialen und kulturellen Zentren Frankreichs!) verbringen zu können.

 

Mein Projekt, die „Petits frères des Pauvres“, arbeiten mit alten Menschen im Süden von Paris. Diesen alten Menschen fehlt es an sozialen Bindungen, sie sitzen teilweise im Rollstuhl, können sich nicht mehr ohne Hilfe fortbewegen und brauchen jemanden, der sich ihrer annimmt. An dieser Stelle treten die Petits frères wie eine Ersatzfamilie ein. Unser Team im Pariser Süden besteht aus ungefähr zehn fest Angestellten und mehreren Praktikanten. Lebensnotwendig sind unsere vielen freiwilligen Helfer. Die Freiwilligen sind Menschen jeden Alters, die ihre Freizeit gerne einem guten Zweck opfern und mit ihrer Gabe andere Menschen glücklich machen wollen. Jeder fest Angestellte verwaltet eine oder mehrere ca. 15 Personen starke „Gruppen“ von älteren Menschen mit ungefähr zehn Freiwilligen. Meist sind die Gruppen nach Wohnort gestaltet. Während die fest Angestellten (und dabei beziehe ich uns Praktikanten mit ein) größtenteils von Telefon und PC aus die Koordinierung der Gruppen übernehmen, sind unsere Freiwilligen diejenigen vor Ort, die mit den alten Menschen etwas unternehmen oder sie zuhause besuchen. Aber wird sind natürlich ständig im Kontakt mit Freiwilligen und betreuten Personen um zu wissen, was los ist. Außerdem bieten wir pro Monat mehrmals gemeinsame Ausflüge wie zum Beispiel Restaurantbesuche, Kinonachmittage oder wie zuletzt eine gemeinsame Kuchenbackaktion an. Diese Ausflüge zu organisieren, den Transport auf die Beine zu stellen, die Lokalitäten auszukundschaften, das Essen zu bestellen, die Einladungen zu schreiben und den Ausflug nachher durchzuführen – das sind einige der vielen Aufgaben, die traditionell der Praktikant übernimmt.

Ich arbeite jetzt zum ersten Mal tatsächlich Vollzeit (die berühmte französische 35-Stunden-Woche) und habe viel Verantwortung. Das ist zwar eine ziemlich Umstellung gegenüber dem vorherigen Schulleben, in dem man Empfänger war und prinzipiell nur sich selbst gegenüber Verpflichtungen hatte. Aber es ist auch eine spannende Herausforderung, die ich um keinen Preis missen wollte. Dieses Zivildienstjahr bringt mir auf vielen Ebenen unendlich viel mehr über das „wahre“ Leben bei, als es ein Jahr im Studium hätte tun können. Und ich versuche, so viele neue Eindrücke aufzunehmen, wie ich irgendwie kann.

Im Gegensatz zum letzten Jahr sind wir diesmal bei den Petits frères zwei Praktikanten – meine Kollegin Duygu ist ebenfalls vom ICJA aus Deutschland. Auch wenn wir bei der Arbeit verschiedene Arbeitsbereiche haben, sind wir in der Freizeit oft gemeinsam unterwegs und versuchen dabei, auf unser deutsch größtenteils zu verzichten.

Die Petits frères bezahlen uns beiden jeweils eine Wohnung in Paris. Duygu wohnt im Südwesten der Stadt, ich wohne in der Nähe des Gare du Nord. Meine Wohnung (ein möbliertes Zimmer) ist nett eingerichtet und liegt zentral. Ich bin zwar nicht oft daheim, fühle mich aber in meiner Unterkunft immer mehr zuhause. Hier kann ich abends kochen (mittags essen wir im Büro), Freunde einladen und von meinem Hafen aus Unternehmungen starten. Das erste, was ich zuhause gemacht habe, war eine Telefonlinie und daraufhin ein vernünftiges Internet zu installieren. Jetzt bin ich erreichbar und kann recht komfortabel leben.

In unserer Freizeit sind wir oft mit den Freiwilligen unterwegs, die in und um Paris leben. Zurzeit sind wir fünf ICYE-Freiwillige, haben aber schon ein paar weitere Kontakte und unser Team ist um mehrere internationale Au-Pairs in Paris stärker geworden. Meist wird englisch, mittlerweile aber auch zunehmend französisch gesprochen. Einer nach dem anderen merken wir, wie unser englisch mit zunehmendem französisch schwieriger und schwieriger wird. Leider fällt es uns noch schwer, aus unserer gemeinsamen „Schutzzone Ausländer“ heraus Kontakte zu Franzosen zu finden. Bei der Arbeit haben wir zwar nur mit französischen Kollegen zu tun. Aber am Wochenende sind wir dennoch meist unter uns – die immense Größe und die Anonymität von Paris macht es uns auch nicht gerade einfach, neue Kontakte zu knüpfen. Dafür haben wir mittlerweile angefangen, uns bei Sprachkursen, Sportvereinen etc. zu engagieren. So leben wir uns besser in die Kultur ein und die ersten zarten Pflanzen zwischen uns und den Franzosen beginnen zu wachsen.

Genauso wichtig wie das Einleben in die französische Gesellschaft ist uns aber der weitere Kontakt mit unseren Freiwilligenkollegen in ganz Frankreich. Duygu und ich profitieren davon, dass wir unsere eigenen Wohnungen besitzen. So können wir die anderen immer wieder zu uns nach Hause einladen und sie einige Tage beherbergen. Wären wir in einem Projekt untergebracht, ginge das nicht. Fast alle anderen Freiwilligen waren also schon wenigstens einmal bei uns in Paris und haben in einem unserer liebevoll getauften „Hôtels Jeunesse et Reconstruction“ übernachtet. Per Internet und Telefon (mittlerweile haben fast alle französische Handys) sind wir außerdem ständig im Kontakt. Und dann werden wir uns alle auch bald, Mitte Januar auf dem Midterm-Camp, wieder sehen. Diesmal allerdings leider nicht in Etoile, sondern in der Nähe von Paris.

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