Kanne - ein Dörfchen zwischen zwei Nationalstaaten?

Veröffentlicht auf von André

Das Dorf Kanne in der belgischen Region Flandern ist auf den ersten Blick eine ganz normale Gemeinde. Eine Kirche, eine Kappelle, eine Bäckerei, einige Kneipen, eine Dorfschule. Aber interessant wird das Dörfchen, wenn man sich seine geographische Lage ein wenig näher ansieht. Kanne wird durch zwei Grenzen umzäunt. Sobald man das nördliche oder nordwestliche Ortschild des Dorfes im Rücken hat, befindet man sich in den Niederlanden. Geht der Wanderer hingegen nach Süden oder Osten, befindet er sich nach fünfminütiger Reise auf französischsprachigem Territorium. Hier beginnt der französische Teil Belgiens, Wallonien. Das kleine Dorf ist also mehr oder weniger eingekesselt.

Den Bewohnern scheint das reichlich wenig auszumachen. Viele Einwohner Kannes haben die französische Sprache gelernt; die Bäckerei serviert „Stokbrod“ auch als „Baguette“, die örtlichen Herbergen schlagen ihren Namen vorsichtshalber auf flämisch und französisch an. Mit den Niederlanden verbindet die Dörfler vor allem die niederländische Sprache, die in Flandern nur geringfügig anders gesprochen wird. Gleichzeitig sind viele Anwohner Niederländer, die ihrem Heimatland aufgrund zu hoher Steuerabgaben ins nahe Umland entfliehen.


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Brisanz erhält die Geschichte des Dörfchens bei einem Blick auf die drohende Spaltung der beiden belgischen Regionen. Sollte der belgische Staat in der Tat auseinander brechen – was nach Ansicht einiger Belgier nur noch eine Frage der Zeit ist – dann fände sich Kanne als östlichste Gemeinde Flanderns wieder, eingesperrt zwischen zwei fremden Nationalstaaten. Bereits jetzt kündigen stolze Schilder auf beiden Seiten des Dorfes an, dass der Besucher die Region Flandern betritt – und kurz darauf wieder verlässt. Sollte sie ein eigener Nationalstaat werden, würden sich noch die obligatorischen Verkehrhinweise hinzugesellen. „Sie betreten die Republik Flandern. Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn: 120 km/h“. Nur eine Autominute entfernt stünde dann bereits das nächste Schild: „Sie betreten die Republik Wallonien. Höchstgeschwindigkeit…“ Dem Dörfchen drohte dann das Schicksal, in Flandern isoliert zu werden, als eine bloße Transitzone zwischen den Niederlanden und Wallonien gesehen zu werden. Nur gut, dass Kanne in mehrerer Hinsicht stark an die Niederlande gebunden ist. Viele Studenten aus der angrenzenden holländischen Stadt Maastricht sind zum Beispiel ob der hohen Mietpreise ins belgische Vorland geflohen. Diese Geldquelle zu verlieren, könnten sich die Einwohner Kannes wohl nur schwerlich leisten.

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